April 2003

Grußwort

Was ich kann ist unbezahlbar!
Dieser Satz eines Appell`s zu einer Kampagne der Bundesregierung steht für viele Menschen die sich hochprofessionell ehrenamtlich einsetzen. Das Nachdenken über das Ehrenamt und der Blick über 40 Jahre zurück ist einer Organisation gewidmet, die demokratisch organisiert, für die heute so modernen Begriffe, wie nachhaltig und zukunftsfähig steht. Dem Gemeinwohl dienen, Solidarität und der Wille zu helfen, Menschen in der Not zu helfen, auch unter dem Einsatz des eigenen Lebens ist lebendiges bürgerschaftliches Engagement.
Mit diesen Attributen wäre dem Ansinnen der UNO, zu dem „Internationalen Jahr der Freiwilligen“ einer Hilfsorganisation wie die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft schon ein besonderes Zeugnis ausgestellt.
Was ist aber eine Organisation ohne die Menschen, ihren Einsatz, Kreativität, Qualifikation, Dynamik und ihren Willen Verantwortung zu tragen. Es gilt die Rahmenbedingungen für dieses Engagement der Menschen ständig zu verbessern und den gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen. Für einen Gewerkschafter, sind Gewerkschaften, beispielsweise, ohne Ehrenamt nicht denkbar. Ehrenamt und Arbeitswelt ist das Thema der Gewerkschaften, eigentlich der Tarifpartner der Bundesrepublik.
In der Folge der Ausbreitung von Schicht-, Wochenend- und Nachtarbeit ist die Tatsache das trotz Arbeitszeitverkürzungen immer weniger gemeinsame Zeit zur Verfügung steht schmerzlich.
Der Hinweis der Evangelischen Kirchen „ Ohne Sonntage gibt`s nur noch Werktage“ ist eigentlich schon ein Notruf.
Auch wenn sich 22 Millionen Menschen in Deutschland ehrenamtlich engagieren, es müssten mehr Menschen für die ehrenamtliche Arbeit zu gewinnen sein. Wir leben aktuell in einer Gesellschaft der Widersprüchlichkeiten wir fordern die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und gleichzeitig die Rente ab 60 und freuen uns auf den ehrenamtlichen Einsatz der Frührentner um dann die „Alten“ zu vergessen.
Die hohen Anforderungen an Qualität, Professionalität, Zertifizierung und Zeiteinsatz erschweren den Zugang zur ehrenamtlichen Arbeit. Lebenslanges Lernen ist auch dem Ehrenamt in der DLRG kein fremder Begriff. Es gibt sie aber, vielfältige Regelungen in Gesetzen, Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen die ehrenamtliche Arbeit zeitlich und finanziell absichern. Hier gilt es einen noch stärkeren Konsens zu erstreiten.
Der Blick zurück erinnert an eine Gruppe junger Menschen die 1958 eine neue Aufgabe suchten, die eigentlich nur Wassersport machen wollten und keine vormilitärische Ausbildung. Die in ihrer Freizeit als Schüler eine Aufgabe, auch Verantwortung suchte, ohne gleich in Kiel eine Marineuniform anziehen zu müssen. Der Abstand zu der entstehenden Bundeswehr, geprägt durch die Elternhäuser tat ein übriges. Der erste Kontakt der „ Jungmariner“ zur Jugendarbeit der DLRG führte in die Schwimmhalle und überdeckte strammstehen in Takelbluse mit Knoten, Marinehose und Schiffchen auf dem Kopf. Der „Heldengedenktag“ an dem Kreuz auf dem Nordfriedhof führten im wahrsten Sinne des Wortes zum (geistigen) Freischwimmen bei der DLRG. Das erschwommene „Zertifikat“ verbesserte auch noch die Schulnoten. Dem Willen der Eltern ihren Sprösslingen Tugenden wie Ordnung, Pünktlichkeit und Verantwortung zu vermitteln wurde trotzdem entsprochen. Uniformen gab es auch, allerdings nur bei den Anleitern. Befehlsstrukturen waren auch gegeben und auf die genannten Tugenden wurde auch großer Wert gelegt, nur waren es Feuerwehrmänner die hier Befehlsgewalt ausübten und ein, für uns, etwas knurriger alter Herr. Er regierte auf dem Hinterhof des "Clubhaus des Westen"an dem Wilhelmplatz als Geschäftsführer der DLRG.
Zu dieser Zeit hatte unsere Berufsfeuerwehr in Kiel noch eine Tauchergruppe und die Mitglieder gaben ihr Können und Wissen weiter an die Rettungsschwimmer, aber besonders an die Jugendgruppe der DLRG. Das Größte war, allerdings auch verboten, mal mit einem Kreislauftauchgerät den Boden des Schwimmbeckens in der Lessinghalle zu besuchen. Die Entsorgung der verbrauchten Kalipatrone des Gerätes hatte strenge Vorschriften, aber aus heutiger Sicht ein war das ein abenteuerlicher Vorgang.
Dreimal in der Woche (im Winterhalbjahr) in die Schwimmhalle. Einen weiteren Abend in der Jugendgruppe wer hatte da noch Zeit auf dumme Gedanken zu kommen. Training für den Grundschein, nebenbei das Fahrtenschwimmerabzeichen, wegen der Schulnote, und dann immer wieder Befreiungsgriffe üben und „Wasser saufen bis die Griffe sitzen“. Die Ausbildung in der Wasserrettung, als Ersthelfer war wegen der ständigen Übungen nicht immer eine Freude. Aber sie vermittelte eine hohe Kompetenz in der Einschätzung und dem Umgang mit Gefahrensituationen. Immer wieder neue Techniken in der Ausstattung aber auch in der Anwendung der Ersthilfe wie der Wiederbelebung oder dem Einsatz von intramuskulären Spritze ( Gotulen) mit Cardiazol. Dieses erzeugte eine Kernkompetenz die auch im späteren Berufsleben, im Arbeitsschutz und der Arbeitssicherheit gefordert war. Die Ausbildung zum Jugendgruppenleiter und zum Rettungstaucher hat diese Kompetenz weiter gefördert. Sicherheit, qualifizierter Umgang mit der Technik und Verantwortung für die Kolleginnen und Kollegen, schon an dieser Stelle wäre der Eingangssatz „ was ich kann ist unbezahlbar“ zu wiederholen. Die Folge, mehrere Jahre in der Sommersaison Einsatz als Rettungsschwimmer und mit der Prüferlaubnis auch als Ausbilder. Nicht zählbar die abgenommenen Schwimmprüfungen von dem Freischwimmerzeugnis bis zu dem Leistungsschein. Wer kennt sie eigentlich noch, die Tauchgeräte „ Delphin II oder den Lungenautomaten PA61 mit dem Doppelfaltenschlauch. Die Auseinandersetzung welche Tauchtechnik ist sicherer Matter aus der Schweiz oder Dräger aus Lübeck Reicht eine Flasche mit 6 Minuten Luft oder 18 Minuten wie bei dem Delphin II. Wie überwinde ich die Betonwand des Aufschlages auf dem Wasser bei einem Paketsprung aus dem fahrenden schnellen Rettungsboot, wie viel Zeit haben wir um einen Verunglückten aus größeren Wassertiefen zu bergen. Das waren spannende, aufregende aber auch lehrreiche Zeiten.
Aber um dem Ehrenamt gerecht zu werden, einen Fehler hat die Organisation dann doch gemacht. 1964 suchte das Zeltlager Adlerhorst an dem Behler See einen „ Bademeister „. Der amtierende, langjährige Schwimm-Meister wollte mit 76 Jahren nun doch in den Ruhestand gehen und es gab einen Vertrag mit der DLRG in Kiel. Der Träger des Zeltlagers, die Freie Turnerschaft Adler hat ihren Sitz in Kiel und betreut das Zeltlager als Sparte des Vereins. Diese Aufgabe wurde durch den TL Rudi Knieriemen vorsichtig vorbereitet. Wir sollten Kompetenz und Qualität zeigen, einen gelernten Bademeister ersetzen. Ich war dann der erste Ablöser des Sportskollegen Scharfenberg, misstrauisch beäugt von der Stammbesatzung des Zeltlagers. Aber wir hatten schon Pluspunkte gesammelt, die Beteiligung an einigen Aufbauwochenenden machten den Einstieg leichter. Die weiteren ablösenden Rettungsschwimmer kamen aus der Berufsfeuerwehr, Kompetenz und Qualität waren bewiesen und diente für viele Jahre Zusammenarbeit. Wir blieben auch als die DLRG auf Grund knapper Personalressourcen keine weiteren Rettungsschwimmer mehr stellen konnten. Die Folge war, eine Urkunde für 10 Jahre Mitgliedschaft in der DLRG und die Eingliederung in die Helfergemeinschaft der Freien Turnerschaft Adler, die bis heute, jetzt über 35 Jahre andauert.
Die Zukunftsfähigkeit hat die DLRG in den vergangenen 75 Jahren schon bewiesen. Der Dank für den Einsatz, für gerettete Menschenleben ist immer wieder gewürdigt worden. Die Qualifizierung von jungen Menschen gilt es noch stärker hervorzuheben. Gerade deshalb muss und wird die DLRG auch nach Hundert Jahren quicklebendig oben schwimmen.

Horst Herchenröder
Geschäftsführer
DGB Region KERN

Anhang
Weitere Erinnerungen und Anmerkungen :
Nicht nur die Auseinandersetzung um das richtige Gerät zum Tauchen spielte in der Zeit eine große Rolle. Dieses Thema wurde durch die Firma Dräger besetzt die, die Geräte am besten optimiert hatte und auch für uns Lehrgänge durchführte.
Matter war würde man heute sagen out. Der Lungenautomat war verchromt und der Chrom blätterte und schickte auch Partikel in die Atemluft.
Das berühmte zusammennageln einer Kiste unter Wasser. Die Bretter verschwanden immer nach oben, die Nägel nach unten, alles festhalten und mit dem Hammer den Wasserwiderstand überwinden und den Nagel treffen.
Es gab sogar einen Tauchlehrgang an der Pulvermaar in der Eifel. Dort wurde für mich zum ersten mal ein Heliumgerät einer Firma aus Italien vorgestellt und eingesetzt. Der Lehrgang war von einem unangenehmen Vorgang begleitet. Eingesetzt wurden tragbare mit Verbrennungsmotoren angetriebene Kompressoren. Einer dieser Kompressoren stand so unglücklich das er die Abgase ansaugte verdichtete und in die Tauchflaschen füllte. Einigen Kameraden ging es dann nicht sehr gut und die Ursache war nicht so schnell gefunden.
Boote wurden für den Einsatz vorgestellt. Mit unterschiedlichen Formen und Auftriebskörpern und der zitierte Paketsprung aus dem fahrenden Boot geübt. Viele Diskussionen um die richtigen Außenborder.
Das berühmte Abtauchen, das Ende der Saison, an Förde in Schilksee war ein jährlicher Höhepunkt.
Vor 1972 war hier noch ein Dorf und auf dem Strand, an dem Zaun der Bundeswehr konnten gut die Zelte aufgebaut werden. Zu der Zeit wurde die Mund zu Mund Methode bei der Wiederbelebung eingeführt, wir hatten bei der alten Methode nach Sylvester kräftig die Arme bewegt zuerst in der Bauchlage des Verunglückten und dann in der Rückenlage. Bei der Mund zu Mund – Übung war die „Begeisterung“ am größten.
Die Anzahl der Hilfsmittel wuchs.
Die Weiterentwicklung des Pulmotor von dem einfachen Sauerstoffgerät bis zu einem automatischen Beatmungsgerät erinnere ich noch gut. Das Sauerstoffgerät war zuletzt im Adlerhorst eingesetzt. Es kam auch zum Einsatz, allerdings nicht bei einer Wasserrettung. Eine Gruppe Jugendlicher hatte einen Peiniger in der Zeltgemeinschaft der sich immer wieder Einzelne vornahm und verprügelte. Bis sich alle Zeltbewohner solidarisierten und eine gemeinschaftliche Strafaktion durchführten. Sie besetzten seinen Körper das ihm gründlich die Luft ausging.
Die Anweisung des Arztes per Telefon war der Einsatz des Sauerstoffgerätes und eine der berühmten Gotulen. Der Patient war regelrecht weg und noch bewusstlos als der Arzt das Zeltlager erreichte. Da man den Knaben nicht transportieren wollte oder konnte hatten wir mehrere lange Nachtwachen.

Zusammenfassung
Rettungsschwimmerinnen und Rettungsschwimmer haben viel erlebt, ihre Geschichten sind in den Erinnerungen, leider selten aufgeschrieben. Immer wieder sind in Lehrgängen, Übungsabenden von Badegästen verursachte Gefahrenmomente beschrieben, der berühmte Bruder Leichtsinn wird nicht aussterben und immer wieder neue Gefährdungen produzieren nicht nur die Bedrohung seines eigenen Lebens sondern auch das seiner Retter.